Alle Texte: 
An das Herz
Anders gekommen
Auf dem Weg nach Tzschelln
Bäume
Der Wald im Kopf
 Die Uferschenke
Ein und Alles
Es ist schön
Häng den Kopf ins Wasser
Havelnacht
Ich höre meine Füsse
Ich suche Trost im Wort
Im alten Gasthausgarten
Kino nach Tisch
Lied am Rand
Onkel Gunter
Romanze am Elsterflutbett
Rückkehr
Schluss gemacht
Trödelmarkt
Verfallender Bahnhof
Verregneter Sonntag
Verschwunden
Was ich habe
Wir sitzen in den Autos

Gottfried Unterdörfer

 (1921-1992), Autor von „Bäume“ und „Ich höre meine Füsse“, war ein in Uhyst (Spree), in der Nähe von Bautzen, lebender Revierförster und Schriftsteller. Die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft war für ihn in gleicher Weise Lebens- und Arbeitsumfeld und taucht in vielfältiger Weise in seinen Gedichten und Erzählungen auf.

„Unterdörfer sah es als seine Mission an, der jungen Generation die Liebe zur Natur nahezubringen. Er erlebte deren Zerstörung durch den sich ausweitenden Braunkohlentagebau hautnah, als allein in seinem Revier 1/3 des Waldes verloren ging. Sein Engagement für den Naturschutz wurde zur Hoffnung für viele Gleichgesinnte“ … „Er unterstützte die kirchliche Umweltarbeit, und der Kummer über die angerichtete Naturzerstörung und den Heimatverlust für viele Menschen kommt in mehreren seiner Werke zum Ausdruck“ … „Mit Generationen von Uhyster Schülerinnen wurden von ihm und seinen Mitarbeiterinnen 500 Nistkästen aufgehängt, mehr als 50 wilde Müllplätze beseitigt und hunderttausende Kiefernsämlinge gepflanzt.“ (Frank Fiedler, Auf den Spuren des Dichterförsters Gottfried Unterdörfer, 2016)

Vor vielen Jahren entdeckte ich in einer Buchhandlung in Bautzen ein Buch von ihm, mit einer Auswahl seiner Erzählungen, Gedichte und Tagebuchaufzeichnungen. Beim Durchblättern erinnerte ich mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit,: bei einem Waldspaziergang kam mein Vater auf Gottfried Unterdörfer zu sprechen - besonders auf das in seinem Blickwinkel bestehende Faszinosum, dass Unterdörfer Förster und Dichter sei. Er hätte ihn gern besucht. Mein Vater, selbst ein Schreibender, neben seiner Arbeit als Glasbläser, fühlte sich zu Unterdörfer als Gleichgesinnten hingezogen. Es wäre ein kurzer Weg zu ihm gewesen – mit dem Fahrrad von Weißwasser, den Schweren Berg hinunter, durch den Wald, durch Nochten durch, auf der Plattenstraße nach Boxberg, am Kraftwerk vorbei, Uhyst schließlich und von dort die Straße in Richtung Mönau zum Forsthaus. Es blieb ein Wunsch; sie haben sich nie gesehen.

Die Erfahrungen als Offizier der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und sein christlicher Glaube verankerten in ihm einen Pazifismus, der ihn später wiederholt mit den Machthabern in der DDR in Konflikt brachte. Sein „Kriegssonett“ beschreibt in expressionistischer Weise, den furchtbaren Einbruch des Krieges in die Wirklichkeit junger Männer, die ihn vorher als Traum- und Phantasiegebilde glorifizierten.:

„Am Anfang war der Krieg uns wie ein Buch,
An dem wir uns als Knaben hungrig lasen.
Wir hörten Panzer in zerwühlten Straßen
Und der Kolonnen stauberstickten Fluch. 
Der Himmel rot. Das Dröhnen in der Nacht.
Und nirgends eine Grenze mehr. Wir waren,
So träumten wir und lachten der Gefahren,
Die Söhne und die Sieger jeder Schlacht.
Wir fieberten entgegen jenem Sprunge,
Der uns der Gipfel aller Träume schien, 
Doch als um uns die Ersten Hilfe schrien, 
Des Übermutes Laut noch auf der Zunge, 
Da lagen wir gemarterten Gesichts
Und wollten leben, leben und sonst nichts!“

Im Tagebuch, das er in seinem letzten Lebensjahr 1992 führte, schreibt er am 27. April: „Nach dem Nachtregen kriechen die Weinbergschnecken umher. In dem für den Kauz gedachten Nistkasten scheint wieder die Schellente Eier zu legen. Vom Rand des Einfluglochs wehen am Holz haftende Daunen, mit denen sie ihr Gelege bedeckt. Vor Jahren sah Ch. zu, wie die Alte am Boden die Jungen aus dem Kasten lockte. Wollbällchen gleich ließen sie sich zur Erde fallen, und dann zog die Familie ins nächste Gewässer. Die Natur unterhält mich immer. Sie langweilt mich nie. Menschen können mich bis zur Erschöpfung langweilen. Wem mag es im Begegnen mit mir so ergehen.“ (Ich Möchte Einen Kranich sehen, S.175, Bautzen, 2001.)

Bäume

Baum

Text: Gottfried Unterdörfer
Musik: Rüdiger Bartsch

Ich könnte vieles von den Bäumen sagen
und ich entsinne mich, daß ich beschrieb,
wie manche ihre Zapfen aufrecht tragen,
und wie die Axt den weißen Splint zerhieb.

Ich könnte wiedergeben, wie ihr Grünes
sich schwärzt und schwindet im versiegten Tag.
Ich habe Worte, um ihr Wipfelkühnes
zu überdauern, wenn es modernd lag.

Ich nahm ihr Stummsein wie ein Siebenschläfer
und wie ein Liebender in meinen Traum.
Ich weiß so wenig wie ein Borkenkäfer
von dem Lebendigsein in einem Baum.

Ich höre meine Füsse

Text: Gottfried Unterdörfer
Musik: Rüdiger Bartsch

Ich höre meine Füsse leise schlürfen,
nach jedem Schritt rinnt Sand in ihre Spur.
Wenn sie für Augenblicke ruhen dürfen,
ruht auch das Rinnen oder wartet nur.

Und rieselt weiter, wenn ich weitergehe.
Und wo ich gestern ging, ist nichts mehr da.
Und wo ich morgen gehen werde, sehe
ich schon die Spur, wie ich sie gestern sah.

Was soll auch meine Spur im Sande bleiben.
Es lief sich gut, und das ist doch genug.
Ich kann der Erde nichts von mir verschreiben.
Es war die Erde, die mich willig trug.

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