Alle Texte: 
An das Herz
Anders gekommen
Auf dem Weg nach Tzschelln
Bäume
Der Wald im Kopf
 Die Uferschenke
Ein und Alles
Es ist schön
Häng den Kopf ins Wasser
Havelnacht
Ich höre meine Füsse
Ich suche Trost im Wort
Im alten Gasthausgarten
Kino nach Tisch
Lied am Rand
Onkel Gunter
Romanze am Elsterflutbett
Rückkehr
Schluss gemacht
Trödelmarkt
Verfallender Bahnhof
Verregneter Sonntag
Verschwunden
Was ich habe
Wir sitzen in den Autos

Ein nahezu vergessener Dichter.   

Hans

Herrmann

Neisse

 wurde 1886 in der schlesischen Stadt Neiße, heute: Nysa in der polnischen Woiwodschaft Opole, geboren. Später sollte er seinem Familiennamen den Namen seiner Heimatstadt hinzufügen. Die Jahre der Kindheit und Jugend – wie auch das spätere Leben – waren überschattet durch den Umstand, dass Herrmann-Neiße an Hyposomie litt, also kleinwüchsig war. Nach Studienjahren in Breslau und München lebte er später in Berlin und schrieb Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Arbeiten für Zeitungen und Kabaretts. Er stand in enger Verbindung zu sozialistischen und anarchistischen Kreisen.
Nach dem Reichstagsbrand flüchtete er mit seiner Frau ins Exil – zuerst in die Schweiz und schließlich über die Niederlande und Frankreich nach London. Dort starb er im April 1941 an einem Herzinfarkt.

Verregneter Sonntag

Text: Max Herrmann-Neisse
Musik: Rüdiger Bartsch

In fremder Stadt am Sonntag, wenn es regnet,
sitzt man in der Pension und tut sich leid.
Das Zimmermädchen, dem man gern begegnet,
hat Ausgang und man selbst jetzt soviel Zeit!
Man späht am Fenster, um sich zu zerstreuen,
nach dem Geheimnis andrer Stuben aus;
doch was man sieht, kann uns nicht sehr erfreuen:
sie arbeiten auch heut im Zeitungshaus;

ums Radio versammelt sich die Sippe;
Hemdsärmel spielen Billiard im Café.
Schon muß man niesen und hat Angst vor Grippe.
Der Ausflugsdampfer tutet matt vom See.
Vor einer Droschke trabt ein welker Schimmel
begossen. Das Theater ist erwacht:
Kulissenschieber bringen einen Himmel
verdrossen und ein wenig Sommernacht.

Blindselig schleicht ein Paar in all dem Feuchten
von Autos angedreckt mit Straßenkot.
Die ersten Lampen fangen an zu leuchten,
und Schirme hasten stracks zum Abendbrot.
Ins Dunkel schwimmen tot die Promenaden,
ertrunken ist die Stunde und ihr Stern.
Da schließt man resigniert den Fensterladen
und hat des fremden Obdach Insel gern.

Alle Texte: An das Herz // Anders gekommen // Auf dem Weg nach Tzschelln // Bäume // Der Wald im Kopf  //  Die Uferschenke // Ein und Alles // Es ist schön // Häng den Kopf ins Wasser // Havelnacht // Ich höre meine Füsse // Ich suche Trost im Wort  // Im alten Gasthausgarten // Kino nach Tisch // Lied am Rand //  Onkel Gunter // Romanze am Elsterflutbett // Rückkehr  //  Schluss gemacht  // Trödelmarkt // Verfallender Bahnhof // Verregneter Sonntag // Verschwunden // Was ich habe //  Wir sitzen in den Autos